Behandlung psychischer Störungen

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Psychotherapie und Pharmakotherapie zur Behandlung psychischer Störungen bringen laut Meta-Analysen nur begrenzte Erfolge und stagnierende Erfolgsraten.

Psychotherapie und Pharmakotherapie gelten als Mittel der Wahl zur Behandlung psychischer Störungen. Neueste Meta-Analysen zeigen, dass die vorliegenden Behandlungsoptionen für psychische Störungen nur begrenzte Erfolge erzielen und die Erfolgsraten seit Jahren stagnieren (Cuijpers et al., 2014; Johnsen & Friborg, 2015; Öst, 2008). Dieser ernüchternde Befund gilt für Psychotherapie und auch für Pharmakotherapie und betrifft die Behandlung psychischer Störungen in den verschiedensten Anwendungsgebieten – speziell auch die Depression.

 

Pharmakotherapie und Psychotherapie der Depression in der Kritik

Was die Pharmakotherapie der Depression angeht, zeigt die aktuellste Meta-Analyse, die 523 Studien und 116.572 Patienten umfasst und im Fachmagazin Lancet erschienen ist (Cipriani et al., 2018), nur einen geringen Mehrwert gegenüber Placebo. Die meisten Studien wiesen außerdem ein hohes Risiko der Verzerrung (bias) auf und wurden durch die Pharmaindustrie gesponsert. Es fanden sich keine wesentlichen Unterschiede in der Wirksamkeit der verschiedenen Antidepressiva. Die Response-Raten (Ansprechen auf die Behandlung) liegen bei 38 bis 53 Prozent und weisen nur einen geringen Unterschied auf zu den Raten, die Placebos erzielt (24 bis 42 Prozent).

Dabei bedeutet Ansprechen (Response) nicht etwa Heilung, sondern nur eine Reduzierung der Symptomstärke um 50 Prozent (Cuijpers et al., 2014). Repetitive Transcranielle Magnetsimulation wird zwar als Behandlungsoption in verschiedenen Leitlinien erwähnt, die Differenz in Response und Remissionsraten zu Schein-Simulation beträgt aber nur zehn Prozent (Health Quality Ontario, 2016). Darüber hinaus sind die – geringen – Behandlungseffekte nicht dauerhaft.

Auf Psychotherapie sprechen etwa 50 Prozent der depressiven Patienten an. Dabei bestehen keine Unterschiede zwischen den verschiedenen Formen der Psychotherapie (Cuijpers et al., 2014). Allerdings sind die Effekte der Psychotherapie dauerhafter als die der Pharmakotherapie, deren Effekte nach Absetzen des Medikaments zurückgehen (Cuijpers et al., 2013). Eine Response Rate von 50 Prozent bedeutet, dass etwa die Hälfte der Patienten nicht ausreichend von den vorhandenen Formen der Pharmakotherapie und der Psychotherapie profitiert.

 

Psychotherapie der Pharmakotherapie vorziehen

Es sind große Hoffnungen und Milliarden an Geldern in die Forschung zu neurobiologischen und genetischen Grundlagen psychischer Störungen investiert worden. Dies hat sich jedoch als Fehlinvestition erwiesen, wie Tom Insel, der langjährige Leiter des NIMH in den USA selbstkritisch einräumt (Insel, 2017). Überwiegend auf die Neurobiologie zu setzen ist daher vergeblich (Insel, 2017; Ioannidis, in press).

Die Pharmaindustrie hat sich inzwischen aus der Forschung zur Pharmakotherapie psychischer Störungen zurückgezogen (Smith, 2011). 75 Prozent der Patienten ziehen eine Psychotherapie der Pharmakotherapie vor (McHugh et al., 2013). Auch haben sich, wie erwähnt, die Effekte der Psychotherapie als dauerhafter erwiesen (Cuijpers et al., 2013). Aus diesen Gründen ist eine Verbesserung der Psychotherapie die wichtigere Option.

 

Wie die Psychotherapie in Deutschland verbessert werden kann

In der ganz überwiegenden Mehrzahl der Studien wurde Kurzzeittherapie von 12 bis 16 Sitzungen angewendet. Studien, die den Zusammenhang zwischen der Anzahl der Therapiesitzungen und dem Behandlungsergebnis untersuchen, zeigen aber, dass insbesondere bei chronischen psychischen Störungen mehr Sitzungen erforderlich sind (Kopta et al., 1994). Speziell bei Depression steigt der Therapieerfolg mit der Sitzungszahl (Cuijpers et al., 2014). Aus diesem Grund sollten in Zukunft länger dauernde Psychotherapie-Behandlungen untersucht werden.

Ein weiterer Schwerpunkt sollte bei den Patienten liegen, die bisher von den vorhandenen Behandlungen nicht ausreichend profitieren („Non-Responder“). Hier muss erforscht werden, was die Non-Responder brauchen, um zu profitieren. Experten fordern hier eine Vielfalt evidenz-basierter psychotherapeutischer Verfahren, da Patienten, die von einer Form nicht profitieren (z.B. von Verhaltenstherapie), von einer anderen profitieren können (z.B. von systemischer Therapie oder psychodynamischer Therapie).

 

Psychodynamische Therapie fördern

Da es für Psychotherapie anders als für die Pharmakotherapie keine Sponsoren gibt, sind hier öffentliche Geldgeber gefragt – wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG und das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung, wobei beide sehr widerstrebend Studien zu Langzeittherapien finanzieren. Außerdem wird überwiegend Forschung zu Verhaltenstherapie gefördert, Forschung zu anderen Therapieformen wie den psychodynamischen Verfahren dagegen oft einseitig abgelehnt. Und das, obwohl die psychodynamische Therapie in Deutschland zu den Richtlinienverfahren zählt, von den Kassen erstattet wird und etwa die Hälfte der Patienten in Deutschland mit psychodynamischer Therapie behandelt werden. Psychodynamische Therapie ist außerdem vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie als wirksam und als wissenschaftlich anerkannt worden.

Literatur

Cipriani, A., Furukawa, T. A., Salanti, G., Chaimani, A., Atkinson, L. Z., Ogawa, Y., et al. (2018). Comparative efficacy and acceptability of 21 antidepressant drugs for the acute treatment of adults with major depressive disorder: a systematic review and network meta-analysis. Lancet. doi: 10.1016/S0140-6736(17)32802-7.

Cuijpers, P., Hollon, S. D., van Straten, A., Bockting, C., Berking, M., & Andersson, G. (2013). Does cognitive behaviour therapy have an enduring effect that is superior to keeping patients on continuation pharmacotherapy? A meta-analysis. BMJ Open, 3(4). doi: 10.1136/bmjopen-2012-002542.

Cuijpers, P., Karyotaki, E., Weitz, E., Andersson, G., Hollon, S. D., & van Straten, A. (2014). The effects of psychotherapies for major depression in adults on remission, recovery and improvement: a meta-analysis. J Affect Disord, 159, 118-126.

Health Quality Ontario. (2016). Repetitive Transcranial Magnetic Stimulation for Treatment-Resistant Depression: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Ont Health Technol Assess Ser. eCollection 2016, 16(5), 1-66.

Insel, T. (2017). https://www.wired.com/2017/05/star-neuroscientist-tom-insel-leaves-google-spawned-verily-startup/?mbid=social_twitter_onsiteshare.

Ioannidis, J. P. (in press). Therapy and prevention for mental diseases: what if mental diseases are not brain diseases? . Behavioral and Brain Research.

Johnsen, T. J., & Friborg, O. (2015). The effects of cognitive behavioral therapy as an anti-depressive treatment is falling: A meta-analysis. Psychol Bull 141(4), 747-768.

Kopta, S., Howard, K., Lowry, J., & Beutler, L. (1994). Patterns of symptomatic recovery in psychotherapy. J Consult Clin Psychol, 62, 1009-1016.

McHugh, R. K., Whitton, S. W., Peckham, A. D., Welge, J. A., & Otto, M. W. (2013). Patient preference for psychological vs pharmacologic treatment of psychiatric disorders: a meta-analytic review. J Clin Psychiatry, 74(6), 595-602. doi: 10.4088/JCP.12r07757 MQ. (2015).

MQ Landscape Analysis. UK Mental Health Research Funding.

Öst, L.-G. (2008). Cognitive behavior therapy for anxiety disorders: 40 years of progress. Nordic Journal of Psychiatry, 47, 5-10.

Smith, K. (2011). Trillion-dollar brain drain – enormous costs of mental health problems in Europe not matched by research investment Nature, 478, 15.


Quelle:

Statement » Steckt die Behandlung psychischer Störungen in einer Sackgasse? Warum ein Umdenken dringend erforderlich ist « von Professor Dr. rer. nat. Falk Leichsenring Dipl.-Psych, Psychoanalytiker, Professor für Psychotherapieforschung in der Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie der Universitätsklinik Gießen zum Europäischen Depressionstag am 1. Oktober 2018

Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin

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