Bedenklich: Vollnarkose bei Kindern

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Ist eine Vollnarkose bei Kindern problematisch? Vermutlich! Eine Allgemeinanästhesie bei Kindern könnte Intelligenz und Sprachentwicklung beeinträchtigen.

Wie bedenklich ist die Vollnarkose bei Kindern? Eine berechtigte Frage, denn laut einer aktuellen Studie des Cincinnati Children’s Hospital, könnte die Allgemeinanästhesie bei Kindern unter 4 Jahren die so genannte graue Substanz im Gehirn verringern. Die Folge: geringerer IQ und Beeinträchtigungen der Sprachentwicklung. Ihre Ergebnisse publizierten Erstautor Dr. Andreas Loepke vom Department für Anästhesiologie am Cincinnati Children’s Hospital und Kollegen im wissenschaftlichen Fachjournal Pediatrics.

Im Zuge bisheriger Forschungsarbeiten hatte das Team um Dr. Loepke bereits im Tierversuch festgestellt, dass die Allgemeinanästhesie bei Mäusen und Ratten zum Absterben von Nervenzellen und kognitiven Störungen führt. Daraus entsprang die Sorge, dass ähnliche Effekte auch bei Menschen auftreten könnten, speziell in den kritischen neurologischen Entwicklungsphasen der frühen Kindheit.

Fokus war es also festzustellen, inwiefern sich die Verabreichung einer Vollnarkose bei Kindern vor dem 4. Lebensjahr auf Gehirnstrukturen, IQ und Sprachentwicklung auswirkt. „Ultimatives Ziel war es, die Sicherheit für Kinder zu erhöhen, wenn eine Operationen unter Allgemeinanästhesie unbedingt erforderlich ist,“ so Loepke.

„Wir wollen wissen, welche Auswirkungen tatsächlich auf das Lernverhalten der Kinder zu erwarten ist, bevor wir die momentanen Vorgangsweisen und Methoden ändern, die bereits ein hohes Maß an Sicherheit mit sich bringen.“

An der Studie nahmen 53 Teilnehmer zwischen 5 und 18 Jahren teil, die sich bereits vor ihrem 4. Lebensjahr einer Operation unter Allgemeinanästhesie unterziehen mussten. Als Kontrollgruppe dienten 53 Probanden gleichen Alters, die noch nicht operiert wurden. Keiner der Kinder wies neurologische oder psychologische Erkrankungen auf. Die Forscher analysierten die Gehirnstrukturen der Probanden mittels Magnetresonanz. Zudem wurden IQ- und Sprachentwicklungstests durchgeführt.

 

Vollnarkose bei Kindern führte bei den untersuchten Probanden zu einem potenziellen Verlust von 5 bis 6 IQ-Punkten

Im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung befanden sich die Befunde alle teilnehmenden Kinder im Normbereich. Jedoch zeigte sich bei operierten Probanden, im Vergleich zur Kontrollgruppe, ein geringerer IQ sowie eine schlechtere Sprachentwicklung.

Die Forscher stellten fest, dass die schlechtesten Ergebnisse bei operierten Kindern mit einer reduzierten Dichte der grauen Substanz in bestimmten Gehirnregionen zusammenhingen. Den Wissenschaftern zufolge, waren die geringeren IQ Werte bei Kindern, die unter Allgemeinanästhesie operiert wurden, mit einem potenziellen Verlust von 5 bis 6 IQ-Punkte verbunden.

Die Erkenntnisse könnten aus gesellschaftlicher Sicht von großer Bedeutung sein, betrachtet man eine frühere Studie, die pro verlorenen IQ Punkt eine Reduktion des Gesamteinkommens, gerechnet auf die Lebenszeit, um $18.000 errechnete. Die aktuelle Studie unterstreicht einmal mehr die Notwendigkeit besserer Strategien für die Verabreichung von Allgemeinanästhesien bei Kleinkindern.

Dennoch sei erwähnt, dass die aktuellen Techniken der Anästhesie von hoher Sicherheit geprägt sind und dass im Normalfall, der gesundheitliche Nutzen durchgeführter Operationen weit über den damit in Verbindung stehenden Risiken steht.

Quelle: Cognition and Brain Structure Following Early Childhood Surgery With Anesthesia, Andreas W. Loepke, MD, PhD, FAAP et al., Pediatrics, doi: 10.1542/peds.2014-352

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About Author

Dipl.-Ing. Alexandra Springler

Seit 2011 ist Dipl.-Ing. Alexandra Springler MEDMIX- und AFCOM-Mitarbeiterin. Nach Abschluss ihres Biotechnoligiestudiums ist sie nun in der Forschung tätig und absolviert zur Zeit ihr Doktorat.

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