B-Vitamine bei Diabetes mellitus

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B-Vitamine ­wurden oft zusätzlich gegen diabetische Neuropathie verabreicht. Aufgrund jüngster Studienergebnisse raten einige Experten heute davon ab.

B-Vitamine sind eine Gruppe, der chemisch und pharmakologisch völlig unterschiedliche Substanzen zugeordnet sind. B-Vitamine kommen in tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln vor, wie beispielsweise in Fisch, Leber- und Milchprodukten, Broccoli, Spinat oder Grünkohl. Vitamin B12 ist nur sehr gering in pflanzlichen Lebensmitteln enthalten, im Gegensatz zu allen anderen wasserlöslichen Vitaminen der B-Vitamine kann es im Körper gespeichert werden.

Leider zeigte sich in einer jüngsten Studie, dass bei Patienten, die eine der oben genannten B-Vitamine- Therapien bekommen hatten, die Nierenfunktion schneller abfiel, als bei mit Placebo behandelten Patienten. Ebenfalls kam es bei den B-Vitamine behandelten Patienten häufiger zu Herzinfarkten, Schlaganfällen und einer erhöhten Mortalitätsrate.

 

Einige B-Vitamine pharmakologisch betrachtet

B-Vitamine ­greifen maßgeblich in den Kohlenhydrat-Stoffwechsel ein. Eine B-Vitamine-Unterversorgung ist in erster Linie für jene Gewebe problematisch, die ihre Energie aus dem Kohlenhydrat-Abbau beziehen. Ein wichtiges Beispiel ist hier das menschliche Nervensystem.

Auch im Hinblick auf vasku­läre Begleit-Erkrankungen sind B-Vitamine – hier B6, B12 und Folsäure – wichtig, da sie in den Stoffwechsel der toxischen Aminosäure Homocystein beeinflussen.

Viele Diabetes-Patienten leiden an symptomatischer, peripherer Neuropathie wie Schmerzen und Missempfindungen. Beim Fortschreiten einer diabetischen Neuropathie geht dem Diabetiker die Tiefensensibilität in den Gliedmaßen verloren. Dies führt zu einem erhöhten Verletzungsrisiko mit daraus resultierenden Ulzerationen und Infektionen.

 

B-Vitamine und dia­betische Neuropathie

In der Therapie der dia­betischen ­Polyneuropathie erfüllen die B-Vitamine ­wichtige Aufgaben – allen voran Vitamin B6 zum Stoffwechsel der Kohlenhydrate. Das aktive Koenzym Pyridoxalphosphat ist Kofaktor für Enzyme, die sowohl in die Glukoneogenese als auch in die Glykogenolyse involviert sind. Vitamin B6-Defizite sind mit Störungen der Glukoneogenese und einer abnormalen Glukosetoleranz in Zusammenhang gebracht worden.

Unter den Bedingungen einer ­Hyperglykämie kommt es zu einer signifikanten Abnahme des Pyridoxalphosphat-Plasmaspiegels sowie der gesamten Vitamin B6-Konzentrationen. Ein Vitamin B6-Mangel senkt ferner die pankreatischen und zirkulierenden Insulin-Spiegel.

Ferner wurden reduzierte Spiegel an Leberglykogen und eine signifikant reduzierte Lactat-Dehydrogenase-Aktivität beobachtet. Auch der Tryptophanabbau, an dem Vitamin B6 auf vielfache Weise beteiligt ist, ist bei einer diabetischen Stoffwechsellage verändert. Ein Vitamin B6-Mangel führt zur Ausscheidung verschiedener Tryptophanmetabolite wie Kynurenin, Hydroxykynurenin, Xanthurensäure und Hydroxyanthranilsäure.

 

B-Vitamine und Blut-Sauerstoff­transport

Durch eine Vitamin-B6-Stoffwechselstörung kommt es auch zu einem veränderten Blut-Sauerstoff­transport. Grundsätzlich ist der Blut-Sauerstofftransport bei Diabetes-Patienten verändert. Normalerweise können unter physiologischen Bedingungen verschiedene Proteine mit Glukose reagieren, eine Erscheinung, die bei erhöhten Glukosekonzentrationen signifikant beschleunigt ist.

Gut untersucht sind glykiertes Hämoglobin und Albumin. Bei dem für die Betreuung des Diabetes-Patienten wichtigen Hämoglobin A1c ist ein Glukose-Rest mit dem N-terminalen Valinrest einer Hämoglobin-β-Kette verbunden. Die Konzentration von glykierten Hämoglo­bin erlaubt eine Aus­sage über die langfristige Blutzuckereinstellung eines Diabetikers. Das nicht enzymatisch glykierte Hämo­globin A1c ist naturgemäß bei Diabetes erhöht und nimmt 10% und mehr des Gesamt-Hämoglobins ein, was die Sauerstoffverbindungskapazität signifikant reduzieren kann. Dieser Vorgang wird durch ­Vitamin B6 ­beeinflusst.

Eine Gabe von Vitamin B6 führte bei Diabetikern zu einer Verringerung des Plasmaspiegels an Hämoglobin A1c. Da sowohl Typ 1- als auch Typ 2-Diabetiker niedrige Plasma-B6-Spiegel haben und die Aktivität der alkalischen Phosphatase bei Diabetikern erhöht ist, führt eine Abnahme des PLP-Spiegels zu einer erhöhten Glykierung von Hämoglobin und einer Abnahme der Sauerstofftransportkapazität.

Pyridoxalphosphat oder Pyridoxin – zur Gruppe der B-Vitamine, B6, gehörig – eignen sich bei Diabetikern dazu, nichtphysio­logische Glykierungen von Eiweißen, ­besonders von Hämoglobin, zu hemmen und dadurch die Sauerstoffversorgung zu verbessern. Langfristige Pyridoxingabe senkt somit das Risiko der Retinopathie beim Diabetiker.

 

B-Vitamine und Hypovitaminose (Vitaminmangel)

Glutathion und Homocystein spielen bei Diabetes induzierter B6-Hypovitaminose eine besondere Rolle. Das Tripeptid Glutathion, das aus den drei Aminosäuren Glutaminsäure, Cystein und Glycin gebildet wird, besitzt eine elementare Bedeutung in der komplexen Aktion gegen Sauerstoff­radikale, gegen oxidativen Stress, gegen Intoxikationen mit Xenobiotika, gegen Strahlenschäden und gegen Krebserkrankungen. Glutathion ist für die Lebens-, Anpassungs- und Arbeitsfähigkeit von Zellen verantwortlich und steht in enger Korrelation mit anderen Antioxidantien wie Vitamin C, E und Carotinoiden.

Die Glutathion-Biosynthese wird in erster Linie durch L-Cystein beeinflusst (Cystein zählt zu den nichtessentiellen Aminosäuren). Die Hepatozyten können Cystein nicht aufnehmen, so dass Nahrungseiweiße nicht als Cystein-Quelle dienen können. Eine Cystein-Quelle ist die Aminosäure Methionin.

Cystein ist Bestandteil des Glucosetoleranzfaktors. Dieser als Transsulfurierung bezeichnete Biosynthese-Weg ist Vitamin-B6-abhängig. Dabei reagiert die Cystathionin-Gamma-Lyase empfindlicher auf Vitamin B6-Defizite als die Synthase, so dass bei einem beginnenden Vitamin B6-Mangel vermehrt Cystathionin, bei einem fortgeschrittenen Mangel vermehrt Homocystein – eine natürlich vorkommende (nicht proteinogene) α-Aminosäure – gebildet wird, beides mit dem Korrelat ­einer reduzierten Cystein- bzw. Glutathion­-Biosynthese.

Glutathion dient dem Recycling antioxidativer Vitamine, als Radikalfänger und zum Abbau von Per­oxiden. Homocystein wiederum ist ein Risikofaktor für atherogene Veränderungen. Auch vaskuläre Veränderungen, eine häufige Komplikation bei Diabetikern, sollte wie das erhöhte Thromboserisiko unter dem Aspekt des bei Diabetikern sehr häufigen Vitamin-B6-Mangels Beachtung finden.

 

Folsäure – als Teil der B-Vitamine – bei Diabetes

Nach wie vor ist die Versorgung der Bevölkerung mit den Vitaminen B1 und Folsäure ungenügend, zahlreiche Diabetes-Patienten leiden unter Folsäure-Mangel – mit weniger als 80 Mikrogramm Folsäure am Tag.

Bei der Beurteilung von Folsäure-Mangel darf auch nicht vergessen werden, dass Zinkmangel die Bioverfügbarkeit der Folsäure limitiert. Da auch Folsäure in den Homocystein-Stoffwechsel involviert ist, ist ein Mangel häufig mit einer Hyper-Homocysteinämie verbunden.

 

B-Vitamine und Metformin: Vitamin B12-Mangel bei Diabetes häufig

Etwa jeder zweite Diabetiker leidet unter Neuropathie. So kommt zu rein motorischen Ausfällen, vegetativen und trophischen Ausfällen an Blase, Darm, Gelenken und Haut sowie Blasen­entleerungsstörungen und erktile Dysfunktion. Neuropathien können durch wiederholte schwere Hypoglykämien ausgelöst werden.

Problematisch wird eine diabetische Neuropathie, wenn der Vitamin-B12-Mangel durch das Biguanid-Derivat Metformin – als bekanntestes Antidiabetikum bekannt – verursacht wird. Jüngste Daten des National Health and Nutrition Examination Surveys (NHANES) zu 50-jährigen Patienten (Diabetiker und Nicht-Dibetiker) bewiesen, dass unter Metformin doppelt so viele Diabetiker erniedrigte Vitamin B12-Serumwerte (5,8 % vs. 2,4 %) aufwiesen.

Metformin wirkt nicht wie Sulfonylharnstoffe über die Aktivierung der Insulinsekretion im Pankreas, sondern greift in den Kohlenhydrat-Stoffwechsel ein, indem Glykogenbildung in der Leber gesteigert und die Glukoseaufnahme in die periphere Muskulatur erhöht wird.

In Untersuchungen wurde nachgewiesen, dass Metformin eine intestinale Resorptionsstörung für Vitamin B12 und Xylose verursachen. Weitere Studien berichten darüber, dass es bei ca. 30% der Diabetiker mit Metformin zu einer signifikanten Abnahme der Vitamin B12-Aufnahme kam. Nach Einstellung der Metformin-Gabe normalisierten sich die Vitamin B12-Resorption und der Vitamin B1-Plasmaspiegel wieder.

Es lässt sich nicht ausschließen, dass nach langfristiger Metformin-Gabe das komplexe Symptomenbild der diabetischen Neuropathie überlagert wird von neurologischen Auswirkungen eines Vitamin-B12-Mangels, der von Sensibilitätsstörungen in den unteren Extremitäten über Lähmungen bis zu hypochondrischen und depressiven Symptomen bis paranoiden Psychosen reichen kann. Einige Studien legen auch nahe, dass es durch den – mit dem Einsatz von Metformin einhergehenden – Vitamin B12-Mangel zu schlechteren kognitiven Leistungen kommen kann.

Um irreversible Vitamin B12-Mangel Folgeschäden zu vermeiden, ist hier möglichst rasch eine B-Vitamine-Substitution angezeigt. Studien zeigten, dass die B-Vitamine-Substitution nicht nur parenteral, sondern auch oral angewendet werden kann, wenn die Dosierung ausreichend hoch ist. Hierzu ist unbedingt die Expertise von Experten bzw. des behandelnden Arztes einzuholen.

 

Wasserlösliches Biotin – auch als Vitamin B7 oder Vitamin H bezeichnet– bei Diabetes

Zum Einsatz der B-Vitamine bei Diabetes wird die Gabe von Biotin in Dosen von 5–10 mg pro Tag über vier bis sechs Wochen bei Diabetikern empfohlen, um bei peripheren Neuropathien präventiv und therapeutisch einzugreifen. Grundsätzlich werden niedrige Biotin-Spiegel im Zusammenhang mit Störungen des peripheren Nervensystems diskutiert. Bei Epileptikern und Alkoholkranken zeigt der Einsatz Biotin hinsichtlich neuronaler Störungen positive Effekte.

 

Wasserlösliche Pantothensäure (Vitamin B5 aus der Gruppe der B-Vitamine) bei Diabetes

Die Diabetiker erhöhte Mengen an Pantothensäure ausscheiden, sollte eine diätetische und/oder medikamentöse Substitution von Pantothensäure erfolgen. Pantothensäure-Mangel kann zu Parästhesien, Muskelschwäche und Persönlichkeitsveränderungen führen, was das bereits komplexe Erscheinungsbild der diabetischen Neuropathie keineswegs vereinfacht. Einem Pantothensäure-Mangel werden Schmerzen der Zehen und Füße sowie ein Brennen der Füße zugeschrieben.

 

Fazit. Früher wurde die Substitution der B-Vitamine sehr empfohlen. Seit den Studienergebnissen von House aus dem Jahr 2010 ist dies nicht mehr der Fall, wobei unklar ist, warum bei Menschen im Gegensatz zu Tierversuchen, in denen B-Vitamine erhöhte Homocystein-Spiegel senken und das Fortschreiten einer diabetischen Nephropathie verlangsamen konnte, B-Vitamine negative Ergebnisse erzielte. Etliche Experten raten nun von einer zusätzlichen Gabe der B-Vitamine ab, wenngleich bei einem bestehenden (erhobenen) B-Vitamine-Mangel mit dem Arzt das weitere therapeutische Vorgehen offen erörtert werden muss. Dies gilt vor allem für Vitamin B12 und der Verabreichung von Metformin, wenngleich in einem unlängst erschienenen Beitrag einem Vitamin B12-Mangel kein dramatischer diagnostischer Wert zugesprochen wurde. In einer jüngsten Untersuchung im Jänner 2015 wurde wiederum die Problematik eines Vitamin B6-Mangels untersucht: Eine beginnende diabetische Nephropathie wurde mit ausgeprägten Veränderungen in Vitamin B6-Stoffwechsel und stärkerer Anzeichen der endothelialen Dysfunktion und Entzündungen in Verbindung gebracht.

Quellen und weitere Information:

B-Vitamine bei Diabetes. MEDMIX 6 / 2007.

Diabetes und Vitamine. ÖAZ 6/2002.

House A. et al.: Effect of B-Vitamin Therapy on Progression of Diabetic Nephropathy. A Randomized Controlled Trial. JAMA 303 (16): 1603-1609 (2010).

http://blog.joslin.org/2014/06/should-you-take-b12-supplements-if-you-take-metformin/

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25458341

https://www.nlm.nih.gov/medlineplus/druginfo/natural/313.html

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3649932/

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