Antidepressiva versus Psychotherapie

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Häufig werden Antidepressiva von Allgemeinmedizinern und Internisten verordnet, die nahezu die Hälfte der Menschen mit der Diagnose Depressionen behandeln.

Die Verordnungen von Antidepressiva haben in den letzten Jahren stetig zugenommen: beispielsweise wurden in Deutschland im dem Jahre 1991 etwa 200 Mio. Tagesdosierungen verordnet, ausreichend für eine Jahrestherapie von etwa 550.000. Patienten, im Jahre 2016 waren es bereits knapp 1,4 Mrd. Tagesdosierungen – eine Zunahme um das Siebenfache in einem Zeitraum von 25 Jahren. Die Menge der aktuell verordneten Antidepressiva würde derzeit ausreichen, um 3,8 Mio. Menschen ein ganzes Jahr mit einer ausreichenden Dosierung zu behandeln.

 

Antidepressiva statt Psychotherapie

Interessant ist die Verteilung der angewandten Antidepressiva: eine auffällige Steigerung bei den Verordnungen begann mit der Vermarktung der Serotoninwiederaufnahmehemmer, den sogenannten SSRI, deren bekanntester Wirkstoff Mitte der 1980er Jahre das Fluoxetin war. Schon zu Beginn der Vermarktung wurde erhebliche öffentliche „Propaganda“ für diese Mittel von Firmen und Experten betrieben.

Vor allem der amerikanische Psychiater Peter Kramer hat sich besonders zugunsten der Anwendung von Fluoxetin engagiert – aus seiner Sicht ein wirksames Mittel, um in Zukunft auf Verfahren der Psychotherpie verzichten zu können. Durch Fluoxetin würde aus einem hässlichen Entlein ein schöner Schwan, so sein Versprechen. Das Motto insgesamt: Don’t worry, be happy. Viele der Diskussionen in dieser Zeit erinnerten an die Vermarktung von Valium Anfang der 1970er Jahre, das als rosarote Brille für die Psyche beworben wurde.

Allerdings wurden die raschen Steigerungsraten der SSRI, die im Vergleich zu den trizyklischen Antidepressiva als besser verträglich galten, kritisch kommentiert, da nicht ausgeschlossen werden konnte, dass neue Anwendungsgebiete – wie beispielsweise Essstörungen oder Zwangssyndrome – zu diesem Markterfolg beitrugen.

Die Antidepressiva wurden vor allem in den USA auch für Kinder verordnet, als Auswirkungen waren Verhaltensstörungen nicht selten, die dann ihrerseits wieder als Grund für eine weitere Behandlung mit Psychopharmaka angesehen wurden.

 

Antidepressiva – die am häufigsten verordnete Psychopharmaka-Gruppe

Antidepressiva sind mit etwa 60 Prozent die mit Abstand größte Gruppe innerhalb der Psychopharmaka, noch immer steigen die Mengen an. Besonders häufig werden Antidepressiva von Allgemeinmedizinern und Internisten verordnet, die nahezu die Hälfte der Menschen mit einer Depressionsdiagnose behandeln, wie Krankenkassendaten zeigen.

Eine fachärztliche Betreuung von Menschen, die unter Depressionen leiden, wäre sicherlich die bessere Alternative. In der Zwischenzeit ist aber eine gewisse Rationalität in der Bewertung der Antidepressiva eingekehrt. So weisen beispielsweise die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und die S3-Versorgungsleitlinie »unipolare Depression« darauf hin, dass Antidepressiva bei mild ausgeprägten Depressionen nicht mehr als Mittel der Wahl gelten. Selbst bei mittelschweren Depressionen bestehen offenbar begründete Zweifel am Nutzen von Antidepressiva, so dass sie in Kombination mit einer Psychotherapie für die Behandlung schwerer Depressionen vorbehalten sein sollten.

Dennoch wird ein Großteil der Antidepressiva ohne die Begründung einer einschlägigen Depressionsdiagnose verordnet, andererseits werden Depressionen sehr viel häufiger diagnostiziert als behandelt. Frauen sind sehr viel häufiger betroffen als Männer. Neben den geschlechtsspezifischen Unterschieden gibt es auch große regionale Disparitäten. So werden in Großstädten deutlich häufiger Depressionsdiagnosen gestellt als in ländlichen Regionen, in den alten Bundesländern deutlich mehr als in den östlichen Regionen.

Die Frage, ob hier Unter- und Überversorgung oder eventuell auch Fehlversorgung vorliegt, kann aber aufgrund von Krankenkassendaten allein nicht geklärt werden, da zwar Diagnosen vorliegen, aber keine weiteren klinischen Angaben zur Schwere der Depression verfügbar sind.

 

Psychotherapie selten

Zum anderen zeigen alle Auswertungen von Kassendaten die unübersehbare Dominanz der pharmakotherapeutischen Interventionen, entgegen der Empfehlung, auch Verfahren der Psychotherapie in die Behandlung einzubinden. Nur bei jeder sechsten weiblichen Versicherten im mittleren Alter mit einer Depressionsdiagnose und einer Antidepressiva-Verordnung und nur bei jedem fünften männlichen Versicherten werden psychotherapeutische Verfahren abgerechnet.

Bezogen auf die alleinigen Depressionsdiagnosen liegt der Anteil von solchen nicht medikamentösen Verfahren nur bei rund zehn Prozent, bei Männern noch deutlich darunter. Da die Wirksamkeit einer Psychotherapie in vielen Studien untersucht und auch nachgewiesen wurden, sollten bei dem bekannten begrenzten Nutzen vieler Antidepressiva im Sinne der Patientenorientierung und einer adäquaten Versorgung die Empfehlungen der Leitlinie zur Behandlung von Depressionen stärker Berücksichtigung finden.

Dort wird ausdrücklich auf die Anwendung der Psychotherpaie im Zusammenhang mit einer Antidepressiva-Therapie hingewiesen. Die Umsetzung solcher Empfehlungen sollte daher auch im Alltag der Versorgung berücksichtigt werden, eine adäquate Versorgungsforschung sollte die Berücksichtigung der Leitlinie, die noch bis 2020 Gültigkeit hat, begleiten und eventuell vorhandene Barrieren in der Umsetzung aufdecken.

Schließlich geht es um die Allokation einer sinnvollen Leistung in der Behandlung! Solche Analysen könnten letztlich die Akzeptanz der Psychotherapie in der Behandlung des Volksleidens Depression fördern, auch in den Diskussionen mit Kassen, dem Gemeinsamen Bundesausschuss und den verantwortlichen Gesundheitspolitikern.

Quelle:

Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin

Statement »Immer mehr Depressionen, immer mehr Psychopharmaka – Warum die Psychotherapie bislang zu wenig in der Behandlung genutzt wird und was man dagegen tun kann« von  Professor Dr.rer. nat. Gerd Glaeske, Leiter der Abteilung für Gesundheit, Pflege und Alterssicherung am Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen zum Europäischen Depressionstags

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