Antidepressiva beim alten ­Menschen

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Bei älteren Menschen mit Depressionen ist eine Therapie mit Antidepressiva gut wirksam. Die Wahrscheinlichkeit für ein gutes Ansprechen ist ähnlich hoch wie bei Jüngeren.

Bei älteren Menschen mit Depressionen wirkt eine Antidepressiva-Therapie ähnlich gut wie bei jüngeren Patienten. Allerdings kommt es im Alter häufiger zu weiteren depressiven Episoden. Aufgrund des Nebenwirkungsprofils der Anti­depressiva – bedingt durch die somatischen Komorbiditäten – sind beim alten Menschen Besonderheiten zu berücksichtigen.

Depressionen zählen zu den häufigsten psychischen Störungen alter Menschen und betreffen in Europa etwa 10–18% der über 65-Jährigen. Obwohl Depressionen mit zunehmendem Alter häufiger sind, werden sie seltener diagnostiziert – vielleicht deshalb, weil sie vorwiegend in leichter und mittelschwerer Ausprägung auftreten.

Eine möglichst frühe Behandlung auch leichterer Formen der Depression ist notwendig: mit c, aber insbesondere auch mit Psychotherapie, die bei Depressionen alter Menschen in ihren Möglichkeiten leider unterschätzt wird.

Aber auch richtig erkannte Depressionen werden bei alten Menschen häufig nicht adäquat (z.B. nur mit Benzodiazepinen) oder gar nicht behandelt. Depressionen jenseits des 65. Lebensjahres bleiben auch unbehandelt, da sie – entsprechend einem weit verbreiteten »Altersstereotyp«, in dem Altern mit Abbau, Verfall, Krankheit und Depression gleichgesetzt wird – als »normal« und folglich als nicht behandlungsbedürftig interpretiert werden.

 

Depressive Störungen alter Menschen

Die unipolare Depression ist als psychiatrische Störung mit verschiedener Schwere zu diagnos­tizieren. Sowohl bei der typischen »Major Depression« (MD) als auch bei der leichteren ­»Minor Depression« (mD), die bei alten Menschen häufig ist, muss immer auch mindestens eines der ersten beiden Symptome, also »Depressive Verstimmung« oder »Interessens- bzw. Freud­losigkeit« vorhanden sein.

Nach 30 Monaten fanden sich weiland in Wien Floridsdorf und Do­nau­stadt gleiche Häufigkeiten von Patienten mit »Major Depression« wie bei den 75 bis 76-Jährigen, aber die Zahl leichterer behandlungsbedürftiger Depressionen (»Minor Depression«) verdoppelte sich bis zum 78. Lebensjahr. Laut der großangelegten VITA-Studie wurden Depressionen also mit zunehmendem Lebensalter häufiger. Die vergleichbare Untersuchung eines Geburtenjahrgangs in Göteborg/Schweden zeigte einen ähnlichen Anstieg der Depressionsraten.

Bereits die leichteren Formen von Depression gehen – besonders im Alter – mit herabgesetzter Lebensqualität, kognitiven Einbußen, erhöhter Suizi­dalität und vermehrten sozio­ökonomischen Kosten einher. Letzteres weil gerade diese Patienten oft zum Arzt gehen und häufig stationär in Krankenhäusern sind.

Weiters ist eine Chronifizierung des depressiven Syndroms möglich, sodass eine möglichst frühe Behandlung auch leichterer Formen der Depression notwendig ist. Dies beinhaltet neben der Therapie mit Antidepressiva insbesondere auch die Psychotherapie, die bei Depressionen alter Menschen in ihren Möglichkeiten leider unterschätzt wird.

 

Therapie der Depression im Alter

Die Behandlung von Depressionen alter Menschen erfordert soziotherapeutische, psychotherapeutische und pharmakotherapeutische Maßnahmen.

Soziotherapeutische Ansätze sollten die möglichst lange Eigenständigkeit der Probanden zum Ziel haben, Aktivitäten fördern und ein stabiles umfangreiches soziales Netzwerk anstreben. Die Bereitschaft zu Psychotherapie ist beispielsweise in der Altersgruppe 75+ gering.

Liegen nicht nur einzelne depressive Symptome vor, sondern handelt es sich tatsächlich um ein depressives Syndrom, sollte eine medikamentöse Behandlung überlegt werden. Schwere oder mittelschwere Depressionen müssen, leichte depressive Syndrome können psychopharmakologisch behandelt werden. Die psychopharmakologische antidepressive Therapie bessert das depressive Syndrom oft bis zum Normalzustand, führt also zu guter Befindlichkeit, ausgeglichener Stimmungslage und normalem Antrieb, bessert Appetit, Schlaf und alle anderen depressiven Symptome.

Eine rein psychopharmakologische Therapie ist also in der Lage, die Depression auch ohne begleitende Psychotherapie zum Abklingen zu bringen. Dies gelingt umgekehrt mittels der alleinigen Psychotherapie ohne Medikamente nur bei leichten Depressionen.

Die ausschließlich ­medikamentöse Therapie der Depression, also der Verzicht auf psychotherapeutische Hilfe, greift bei jedem Schweregrad der Depression zu kurz. Der Patient wird nur in der Psychotherapie ausreichend über sich und seine Krankheit informiert. Er lernt, ein Neuauftreten der Krankheit selbst zu entdecken und entwickelt Strategien, sich Belastungen nicht so lange auszusetzen, bis wieder Depressionen als Ausdruck der gestörten Stressregulation seines Organismus auftreten. Psychotherapie ist also zur Prophylaxe weiterer depressiver Phasen notwendig.

 

Antidepressive Pharmakotherapie alter Menschen

Alle Antidepressiva werden einschleichend dosiert verabreicht und beginnen in der Regel nach frühestens 8 bis 10 Tagen merkbar zu wirken. Dass ein Präparat bei einem alten Patienten die Depression nicht aufhellen kann, sollte bei ausreichender Dosierung erst nach einer Therapiedauer von vier Wochen behauptet werden.

Die Therapie mit tri- und tetrazyklischen Antidepressiva ist wegen schwerer Nebenwirkungen wie Schwindel, Blutdruck­abfall (Stürze), Verstopfung, Mundtrockenheit, Harnverhaltung etc. für jeden Patienten unangenehm und wurde im ambulanten Bereich nur von ­etwa einem Drittel der Patienten regelrecht eingenommen. Weiters sind die klassischen Antidepressiva bei suizidalen Patienten gefährlich, da der Inhalt einer verschriebenen Packung für den Suizid ausreichte.

Wegen der vielfältigen und teils bedrohlichen Nebenwirkungen – wobei bei alten Menschen auch Verwirrtheitszustände ausgelöst werden können –, sind polyzyklische Antidepressiva für viele Psychiater nur mehr Medikamente 3. Wahl. Mit den modernen Präparaten und genügend Zeit für eine Aufklärung des Patienten über die Medikamente, die Notwendigkeit der langen Einnahme und den verzögerten Wirkungseintritt der Antidepressiva, gelingt eine regelmäßige Einnahme dieser Medikamente bei etwa 80% der Patienten.

Die analgetische Wirkweise vieler Antidepressiva wird heute als spezifische Wirkung – also unabhängig von der antidepressiven – angesehen.

Wichtig ist der Hinweis, dass auch die modernen Antidepressiva Nebenwirkungen haben, die besonders in den ersten Tagen der Therapie deutlicher zutage treten. Diese Nebenwirkungen wie Unruhe, Tremor, Übelkeit oder Kopfweh legen sich jedoch meist in der ersten Therapiewoche. Nur Patienten, die über diese Nebenwirkungen informiert wurden, werden die Medikamente auch wirklich einnehmen.

Bei vielen Patienten muss wegen Begleitsymptomen der Depression wie Schlafstörung, Wahn oder Suizidalität auch eine begleitende Medikation mit Tranquilizern (zeitlich begrenzt; Achtung Suchtgefahr!) oder Neuroleptika (Achtung auf motorische Nebenwirkungen!) durchgeführt werden.

Viele alte Menschen mit Depressionen leiden auch unter Schmerzen. Die analgetische Wirkweise vieler Antidepressiva wird heute als spezifische Wirkung – also unabhängig von der antidepressiven – angesehen. Gewisse Antidepressiva werden daher auch bei chronischen Schmerzen ohne Depression als Mittel 1. Wahl empfohlen.

Bei Depressionen mit Schmerzsymptomatik alter Menschen bieten sich daher besonders moderne Antidepressiva an, für die der analgetische Effekt sehr gut oder zumindest gut belegt ist.

Fast alle Antidepressiva werden in der Leber in unwirksame Metabolite verstoffwechselt, sodass bei Störungen der Leberfunktion deutlich niedriger dosiert werden muss. Bei den meisten Medikamenten muss auch bei Störungen der Nierenfunktion, die ja altersabhängig ist, niedriger dosiert werden.

Bei vielen Antidepressiva besteht ein deutliches Potenzial für pharmakologische Interaktionen, die auch Medikamente anderer Fächer betreffen.

 

Antidepressive Pharmakotherapie alter Menschen im Längsschnitt

Jede antidepressive Pharmakotherapie wird im zeitlichen Ablauf gegliedert in die

  • Akuttherapie bis zum klinischen Abklingen der depressiven Symptome, die
  • Erhaltungstherapie bis zum vermuteten Ende der depressiven Episode und in die
  • Rezidivprophylaxe, also die Verhinderung neuer depressiver Phasen.

Die Akuttherapie dauert bis zu vier Wochen, bei mangelhaftem Ansprechen mit der Notwendigkeit eines weiteren Therapieversuchs (Wechsel des Antidepressivums oder Kombination der unzulänglichen Therapie mit einem weiteren Antidepressivum) auch länger. Wird nach dem Ansprechen, also nach dem Abklingen der depressiven Symptome, das Antidepressivum in seiner Dosis sofort wieder reduziert oder gar abgesetzt, kommt es meist – wiederum mit einigen Tagen bis zwei Wochen Verzögerung – zum Rückfall in die depressive Symptomatik.

Erst wenn die neurobiologisch definierte, depressive Reaktionsbereitschaft des Gehirns beendet ist – im Mittel sechs Monate nach Beginn der depressiven Episode – kommt es nach Absetzen des Antidepressivums nicht mehr zum Rückfall in die depressive Episode. Dementsprechend folgt auf die Akuttherapie der Depression die Erhaltungstherapie. Nach heutigem internationalem Konsens soll also eine antidepressive Therapie nach Ansprechen beim alten Menschen weitere 6 bis 12 Monate in der ursprünglichen Wirkdosis verabreicht werden. Das heißt, dass der sich nun gesund, tatkräftig und gut gelaunt fühlende Patient weiterhin das Antidepressivum einnehmen soll, wozu Aufklärungsarbeit zu leisten ist.

Bei Befürchtung häufiger weiterer Phasen, z.B. wenn in der Vergangenheit jedes oder jedes zweite Jahr eine Depression aufgetreten ist, können weitere depressive Phasen durch die andauernde Einnahme eines Antidepressivums bei etwa 80% der Patienten verhindert werden. Da Depressionen älterer Menschen zur häufigen Wiederkehr neigen und moderne Antidepressiva bei Dauereinnahme nur wenige Nebenwirkungen verursachen, kann nach internationalem Konsens heute jede antidepressive Pharmakotherapie nach dem 65. Lebensjahr als Dauertherapie in der Wirkdosis verschrieben werden. Dies sollte mit ­jedem Patienten individuell besprochen werden.

Fast jeder Patient mit Depression geht vor der Therapie in seinem Krankheitskonzept davon aus, dass die Depression ihn aus eigenem Verschulden bzw. durch äußere Ereignisse (Verluste, Schmerzen) verstehbar getroffen hat. Er glaubt nicht an die »Krankheit« und sieht keine Indikation für eine medikamen­töse Therapie. Es ist wichtig, mit dem Patienten seine Ansichten bezüglich der Ursache und des Krankheitsgehalts seiner Beschwerden zu besprechen. So wichtig die psychopharmakologische Behandlung eines depressiven Syndroms ist, so falsch ­wäre es, Depressionen ausschließlich mit Medikamenten zu behandeln. Es muss immer auch psychotherapeutisch – oft auch soziotherapeutisch – geholfen werden. Dies gilt insbesondere für den alten Menschen.

Quelle und weitere Informationen:

Antidepressiva beim alten ­Menschen. Ao. Univ.-Prof. DDr. Peter Fischer. MEDMIX 07–08/2007

Vienna Transdanube Aging „VITA“: study design, recruitment strategies and level of participation. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12456056

http://www.mayoclinic.org/diseases-conditions/depression/in-depth/antidepressants/art-20046273

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=antidepressant

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About Author

Dr. Darko Stamenov

MEDMIX-Redaktion, Projektleiter, AFCOM Digital Publishing Team

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